Stefano Marzano
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Interview mit Hall of Fame Gastautor Stefano Marzano

Stefano Marzano ist CEO und Chief Creative Director bei Philips Design. Statt den Fokus ausschließlich auf Technologie zu setzen,  konzentriert sich der Konzern auf den Menschen und seine Bedürfnisse und hat den Anspruch, mit seinen Produkten die Lebensqualität zu verbessern. Ein Ansatz der, als er 1990 vom damaligen CEO, Jan Timmer, entwickelt wurde, revolutionär war. Im Interview mit red dot online spricht Hall of Fame Gastautor Stefano Marzano über Design als Faktor für eine bessere Lebensqualität.

 

red dot online: Herr Marzano, eine absolute Definition des Begriffes „Lebensqualität“ zu finden ist nicht möglich, zu  viele persönliche Faktoren spielen dabei eine Rolle und so versteht jeder darunter etwas anderes. Wie lautet denn Ihre persönliche Definition?

Stefano Marzano: Ich meine mit Lebensqualität nicht das, was wir darunter verstehen, sondern was die Menschen selbst sich darunter vorstellen. Was für eine Lebensqualität ist es, nach der die Menschen suchen? Was stellen sie sich unter Lebensqualität vor, wenn sie darüber reden? Was bedeutet es morgen für sie und übermorgen? Ist die Vorstellung von einer verbesserten Lebensqualität von Ort zu Ort verschieden – und wenn ja, wie? Wenn wir die Antworten auf solche Fragen gefunden haben, müssen wir als nächstes schauen, wie wir zu Lösungen kommen, die die Lebensqualität der Menschen in der von ihnen gewünschten Form verbessern. So können wir Lösungen liefern, die nicht nur technologisch möglich sind, sondern die vor allem auch von den Menschen gewünscht werden, als Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität, wie sie sich selbst das vorstellen.

red dot online: Was unternimmt Philips, um die Unterschiede in der Wahrnehmung der Menschen von Lebensqualität zu verstehen und Lösungen zu entwerfen, die diese Lebensqualität verbessern?

Stefano Marzano: Um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern, bedarf es einer genauen Kenntnis der komplexen und fragmentierten Welt, in der wir heute leben. Und es bedarf der Fähigkeit, sinnvolle Vorhersagen zu treffen, wie die Welt in Zukunft aussehen könnte. Philip Design’s Foresight, Trends & People Research Team bietet  die eingehende Forschung, die wir benötigen, um solche Einblicke zu erhalten. Foresight Research ermöglicht strategische Einsichten in die globalen und regionalen sozio-kulturellen Veränderungen, die zu Verschiebungen der gegenwärtigen Werte, Bedürfnisse sowie der Lebens- und Verhaltensweisen führen. Trend Research liefert globale und regionale Vorhersagen zu den wichtigsten kulturellen Entwicklungstendenzen in den kommenden zwei oder drei Jahren. People Research untersucht nicht nur die Bedürfnisse und persönlichen Beweggründe der Menschen in verschiedenen Regionen, sondern auch, wie sie ihre Zukunft sehen und was sie unter guter Lebensqualität verstehen.

red dot online: Um Ihre Forschungsaktivitäten zu komplettieren, hat Philips eine praxisnahe, multidisziplinäre Methodik entwickelt, die Sie „High Design“ nennen. Erläutern Sie uns diese Methodik doch kurz.

Stefano Marzano: Philips Design hat eine einzigartige Methodik entwickelt, bekannt als High Design. Dieser forschungsorientierte Ansatz konzentriert sich allein auf den Menschen. Ausgangspunkt für den Gestaltungsprozess ist ein umfassendes Verständnis für die menschlichen Bedürfnisse. Außerdem dient er als Rahmen, um diese Einsichten in kreative und doch machbare Lösungen zu übersetzen.

Von Anfang bis Ende steht bei High Design der Mensch im Mittelpunkt. Neben diesem Grundsatz gibt es drei weitere wesentliche Merkmale. High Design beruht auf Forschung, weil solide Forschung und Erkenntnis für unsere Handlungen und Entscheidungen von zentraler Bedeutung sind. Es ist disziplinübergreifend, da ein herkömmliches handwerkliches Design-Verständnis der Vielschichtigkeit der Probleme, die wir lösen müssen, nicht länger gerecht wird. Daher beziehen wir viele auf Design bezogene Experten in unser Team ein, wie Trendforscher, Psychologen, Soziologen und Kulturanthropologen sowie Marketing-Spezialisten und Fachleute für Technik. Schließlich ist High Design vollständig in den Geschäftsprozess eingebunden. Es ist die Aufgabe des Designers, daran mitzuwirken, die Kluft zu überbrücken zwischen dem, was die Menschen möchten, und der Wirklichkeit, in der wir uns jetzt befinden. Deshalb muss man wissen, was im Geschäft los ist und in der Lage sein, eine Roadmap zu entwickeln, die uns zeigt, wie wir von unserem gegenwärtigen Standort an unser Wunschziel gelangen.

red dot online: In Ihrem Aufsatz schreiben Sie, dass es beim Gestalten für eine bessere Lebensqualität um mehr gehe, als darum, den alltäglichen Bedürfnissen des Menschen gerecht zu werden. Es gehe auch darum, weit voraus zu schauen und eine Richtung auszumachen, die zu einer langfristigen Verbesserung der Lebensqualität führt. Auf welche Weise versuchen Sie, dies zu erreichen?

Stefano Marzano: Unsere zukunftsorientierten Projekte sind ein wichtiger Bestandteil von High Design. Wir müssen nicht nur wissen, was sich die Menschen heute als wünschenswerte Lebensqualität vorstellen, sondern auch, wie das in naher Zukunft sein wird. Aufgrund unserer Forschung entwickeln wir machbare Produktpläne und Szenarios. Wir lassen diese nicht in der Schublade liegen, sondern stellen sie in Ausstellungen der Öffentlichkeit und den Medien vor. Auf diese Weise erhalten wir von den Menschen eine Rückmeldung zu unserer Interpretation der Informationen, die unsere „Vorfühler“ gesammelt haben. Dies ermöglicht uns, unsere Hypothesen zu überprüfen, was die Menschen als wünschenswerte Lebensqualität ansehen. Wir fragen erfolgreich nach: Ist es das, was Sie sich wünschen?

red dot online: Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Designer Ihrer Meinung nach in einer schnelllebigen Zeit, in der man die zukünftigen Entwicklungen in Gesellschaft, Wissenschaft oder Technologie niemals präzise vorhersagen kann?

Stefano Marzano: Ein wichtiges Design-Thema, das, so glaube ich, die Designer in den kommenden Jahren herausfordern wird, bezieht sich auf nicht greifbare Dinge. Infolge der digitalen Revolution müssen Designer auch immaterielle Qualitäten schaffen. Objekte werden animiert; sie werden zu „Subjekten“, das heißt zu aktiven, manchmal sogar proaktiven Mitwirkenden in unserem Leben. Sie fangen an, mit uns zu interagieren, sie ergreifen die Initiative und handeln für uns. Und dabei werden sie zum Mittelpunkt neuer, komplexer Beziehungen. Diese Beziehungen müssen gestaltet werden. Es ist wichtig, dass sie gut gestaltet werden, denn wenn sie einmal hergestellt sind, kann es schwierig werden, sie noch einmal zu verändern. Immaterielle Dinge zu gestalten, wird deshalb eine entscheidende Herausforderung der kommenden Jahre sein.

Aber auch die Aufgabe, verantwortungsvolle und dauerhafte Lösungen zu finden, bleibt weiterhin bestehen. Wie immer man es auch betrachtet, unter geschäftlichen, ökologischen, persönlichen, sozialen oder moralischen Gesichtspunkten – ich bin überzeugt, dass es wirklich keine andere machbare Option gibt.

Über Stefano Marzano
Stefano Marzano wurde 1950 in Italien geboren. Er hat einen Doktorgrad in Architektur vom Polytechnischen Institut in Mailand. 1978 trat er in die Firma Philips Design in den Niederlanden als leitender Designer für Daten-Systeme und Telekommunikationsprodukte ein. 1982 kehrte er als Direktor des Philips-Ire-Design-Center (Abteilung für größere Haushaltsgeräte) nach Italien zurück und wurde 1989 Vizepräsident des Corporate Industrial Design für Whirlpool International (ein Gemeinschaftsunternehmen von Whirlpool und Philips). Sein derzeitiges Amt als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fakultät für industrielles Design an der Technischen Universität in Eindhoven, Niederlande, hat er seit 1991 inne. Darüber hinaus ist er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat vom Design Management Institute (Boston) und gehört dem Design Management Advisory Panel der Universität von Westminster, Großbritannien, an.
 


Über Hall of Fame – Volume 2
Welchen Beitrag leistet der Faktor Design für mehr Lebensqualität? Eine Antwort darauf gibt die neu in der red dot edition erschienene Publikation „Hall of Fame – Volume 2“, die jene Akteure der globalen Designszene vorstellt, deren kreative und innovative Leistung das „Design of the World“ geprägt hat. Dabei werden Meilensteine der Designgeschichte ebenso dokumentiert wie aktuelle Produkte. Herausgeber ist Prof. Dr. Peter Zec im Auftrag von Icsid, dem Weltdachverband der Industriedesigner.

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