oben: Maike Hamacher und Ji-Young Ahn

Interview mit den red dot: best of the best Gewinnern Ji-Young Ahn, Jenny Hagmann, Maike Hamacher und Franz Reimer

Die Ausstellung „NEU06“ verwandelte eine der wichtigsten Düsseldorfer Shoppingmeilen für einen Tag in ein begehbares Museum für Kommunikationsdesign. Die Straße wurde zum Ausstellungsraum, die Schaufenster und Läden zu Exponaten, die Shopper zu Museumsbesuchern. Eine zehnminütige Audio-Tour vermittelte den Besuchern Interessantes und Skandalöses zu Marken- und Kommunikationsstrategien ausgewählter Konsumtempel.

 

Die NEU06, wurde von den Designstudenten Ji-Young Ahn, Jenny Hagmann, Maike Hamacher und Franz Reimer entwickelt, die zusammen
mit den Studenten Daniel Bolay, Markus Göddertz, Fabian Kropp, Matthias Löffler, Marius Obiegala, Eliza Petrova, Johannes von Gross, Felix von Pless und Nils-Hendrik Zündorf, sowie mit Heiko Schulz (Lehrbeauftragter) und Tim Turiak (Alumnus), als Team der NEU06 eine einzigartige Ausstellung ins Leben gerufen haben, die im diesjährigen red dot award: communication design mit dem red dot: best of the best ausgezeichnet wurde. Damit sind sie gleichzeitig für den red dot: junior prize nominiert, der an die beste studentische Arbeit vergeben wird. red dot online interviewte Ji-Young Ahn, Jenny Hagmann, Maike Hamacher und Franz Reimer als Vertreter des NEU06-Teams zu ihrer Arbeit, ihrer Auszeichnung und ihren Zukunftsplänen.

red dot online: Welche Intention steckt hinter der Ausstellungsreihe „NEU“?

Als Ausstellungsreihe des Fachbereichs Design der FH Düsseldorf hat die NEU seit dem Jahr 2002 die Aufgabe, der Öffentlichkeit das Thema Kommunikationsdesign näher zu bringen. Jede NEU entwickelt ihren eigenen Charakter, jede NEU stellt sich andere Fragen. Im Jahr 2006 wurde nun die vierte NEU ausgerichtet, die NEU06 – Das 1. Live-Shopping-Museum.


red dot online: Was inspirierte Sie zu der Idee, ein Live-Shopping-Museum zu entwickeln?

Die „NEU06“ suchte vor allem die Interaktion mit der Öffentlichkeit. Wir wollten keine abstrakte Fach-Ausstellung von Designern für Designer, sondern eine Ausstellung für unsere Zielgruppe Nr.1: den Normalbürger.

Doch wie begeistert man den designunkundigen Bürger für eine Ausstellung zu einem so abstrakt klingenden Thema wie Kommunikationsdesign? Was hat Kommunikationsdesign überhaupt mit dem Alltag unserer potentiellen Besucher zu tun? Die Idee, die durchgestaltete Konsumwelt zum Inhalt einer Vor-Ort-Design-Ausstellung zu machen, versprach uns die perfekte Möglichkeit, Kommunikationsdesign in den Erscheinungen des Alltags verständlich und vor allem interessant zu vermitteln. Wir mussten unsere Zielgruppe einfach nur bei ihrer Lieblingsbeschäftigung abholen – beim Shoppen!


red dot online: Mit welchen gestalterischen Mitteln haben Sie versucht, den Besuchern Wissenswertes zum Thema Kommunikationsdesign und Konsum zu vermitteln?

Die NEU06 war Kommunikationsdesign live & unplugged: die große Bühne des Konsumspektakels, mit über 25 Geschäften auf 300m Straße, etlichen schreiend bunten Schaufenstern, Logos und Schildern, und hunderten Konsumenten vor der Qual der Wahl.


Für die Bewerbung und Gestaltung des Museums bedienten wir uns auf ironisch überspitzte Weise genau der Kommunikationsmittel, die man auch im Erscheinungsbild der Flinger Straße findet. So waren beispielsweise unsere Museumskassen 3 Meter hohe Einkaufstüten, unser Ausstellungskatalog eine Anzeigenbroschüre für Bücher zum Thema Konsum.

Das zentrale Gestaltungsmittel war allerdings die Sprache. Erst mit der Audio-Tour, die der Besucher an unserer Museumskasse erhielt, ließ sich der Perspektivwechsel auf das Geschehen realisieren, die Sicht des Kommunikationsdesigners hinter die Kulissen der Konsumwelt vermitteln. Wir wollen uns an dieser Stelle bei Jürgen Thormann bedanken. Mit seiner bekannten Stimme, die vielen Besuchern aus Märchen, Hörspielen oder als Synchronstimme von Sir Michael Caine vertraut ist, konnten wir mit der scheinbaren Authentizität eines „echten“ Museum-Guides spielen und mit der versnobten Stimme des Besserwissers zum Konsumenten sprechen.


red dot online: Per Head-Set erfuhren die Besucher auf der Audio-Tour spannende Dinge zum Thema Kommunikationsdesign und Konsum. Was denn zum Beispiel?

Der Besucher erfuhr amüsante und skandalöse Hintergründe zu den Marken- und Kommunikationsstrategien der ausgewählten Konsumtempel. Zum Beispiel eine Geschichte über die religiöse Verführung von Jugendlichen, die ihre Mütter jederzeit für ein paar Turnschuhe verkaufen würden, gefälschte Schwarzwaldromantik als Kulisse für Industriewurst, oder ein Logo, das Wahrheit und Fisch für alle verspricht.

Die Audio-Tour ist eine Reihe kleiner Anekdoten über die manipulative Wirkung von Kommunikationsdesign auf das Konsumverhalten ihrer Zuhörer. Am Ende sollten sie selbst entscheiden, ob sie nun aufgeklärt den Konsum verweigern oder amüsiert nach dem Portemonnaie greifen.


red dot online: Die Nominierung mit dem red dot: best of the best macht Sie gleichzeitig zum Kandidaten für die Auszeichnung mit dem red dot: junior prize, der an die beste studentische Arbeit des gesamten Wettbewerbs geht. Was bedeutet eine solche Auszeichnung für Sie?

Die NEU06 war ein großes Experiment. Wir waren bis zu der Aktion sehr gespannt, was passieren würde. Und dann haben wir viele Leute tatsächlich zum Lachen oder zum Nachdenken gebracht. Manche haben sich auch sehr geärgert. Was will man mehr? Die Idee der NEU06 war ja ganz schön abstrakt – aber anscheinend ist etwas angekommen, das freut uns enorm. Die Auszeichnung mit dem red dot ist für uns eine wunderbare Bestätigung für diese Art der Auseinandersetzung mit dem Thema Design.


red dot online: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus, was wünschen Sie sich für die Zukunft – auch in beruflicher Hinsicht?

Nicht zuletzt durch die NEU06 wird uns klar, wie weit die Verantwortung des Gestalters auf dem Stuhl des Regisseurs der weiten Markenwarenwelt reicht. Hoffen wir, dass wir nicht das Maß, und auch nicht die Lust beim Inszenieren verlieren, wenn wir eines Tages in die Wirklichkeit des Designer-Alltags eintreten.