
- Remo Caminada und Ludovic Varone
Interview mit den red dot: best of the best Gewinnern Remo Caminada und Ludovic Varone
Mit dem Type Generator haben Remo Caminada und Ludovic Varone ein Programm entwickelt, das es dem Schriftgestalter ermöglicht, mit relativ geringem Aufwand Schriften nach den eigenen Bedürfnissen zu generieren um eine Arbeit mit dem Potential, den Umgang mit digitalen Schriften zu revolutionieren. Diese herausragende Leistung honorierte die red dot Expertenjury mit einer red dot: best of the best Auszeichnung. Damit sind Remo Caminada und Ludovic Varone gleichzeitig für den red dot: junior prize nominiert, der an die beste studentische Arbeit vergeben wird. In einem Interview mit red dot online sprachen Remo Caminada und Ludovic Varone über ihre Arbeit.
red dot online: Herr Caminada, Herr Varone, von 3.880 Einreichungen aus 34 Nationen wurden nur 27 mit dem red dot: best of the best ausgezeichnet. Sie sind unter ihnen und damit auch Kandidaten für den red dot: junior prize, der an die beste studentische Arbeit des gesamten Wettbewerbs geht. Was bedeutet eine solche Nominierung für Sie?
Remo Caminada & Ludovic Varone:
a) ein Ansporn, weitere Projekte zu entwickeln
b) Gelegenheit, unser Projekt bekannt zu machen, d.h. von der Gesellschaft wahrgenommen zu werden und neue Kontakte zu knüpfen: mit Forscherkollegen, die sich mit Ähnlichem beschäftigen, mit zukünftigen Projekt-Partnern aus Industrie und Dienstleistung.
red dot online: Vor welchen Herausforderungen steht Typografie in der heutigen Zeit und was ist die Aufgabe des heutigen Schriftgestalters?
Remo Caminada & Ludovic Varone: Typografie ist in ihrem Wesen etwas konservatives und eigentlich veraltet; sie ist ein visuelles Regelwerk, das sich seit Jahrtausenden an Codes einer Lautsprache festkrallt. Sie muss sich einer eng gesteckten, abstrakten Formensprache bedienen, damit sie verständlich wird. Dies bindet den Gestalter an viele Konventionen und der User muss sich ihre Zeichenkombinationen zuerst auswendig lernen, bevor er sie zur Kommunikation einsetzen kann. Andererseits versuchen viele Schriftgestalter, Typografie zu innovieren, indem sie diese Normen hinterfragen. Aus diesem Verständnis heraus werden immer wieder interessante Schriften entworfen, die mit den Regeln der Konvention spielen oder diese brechen. Die Folge ist, dass solche Schriften zum Teil jedoch schwer lesbar sind. Man erkennt die Grenzen des typographischen Spielraums. Interessant scheint uns daher der Gedanke, welche Formen der (...) Kommunikation es nebst der Typografie sonst noch geben könnte und welche noch zu erfinden, bzw. einzusetzen wären. Wir sehen darin mehr Innovationspotenzial, als die Typografie innerhalb ihrer gesteckten Grenzen neu zu definieren.
Wir schlagen einen neuen Beruf vor, nebst dem des Schriftgestalters: den des Erfinders von verschiedenen Zeichensprachen und Bildzeichen-Vokabularen, in welcher die Schrift eher als eine von mehreren Disziplinen vorkommt und mehr eine Zudiener-Funktion innehat.
Der Type Generator dient uns für schnelle Entwürfe in Bezug auf verschiedenste Kontexte. Es gibt ja keine gültigen Formen mehr, sondern jeder Kontext und Anwendungszusammenhang erfordert ein eigenes Schriftbild. In größeren Zusammenhängen ist es was die Rechte betrifft, kostengünstiger, als den Kauf von vielen Lizenzen.
red dot online: Sie haben mit Type Generator ein Programm entwickelt, mit dem es möglich ist, Schriften zu generieren, indem man direkt im digitalen Entwurf seine eigenen Schriftformen entwickelt.
Was hat sie dazu inspiriert?
Remo Caminada & Ludovic Varone: Während der Ausbildung wurden wir mit den unterschiedlichsten Entwurfstechniken und -Methoden, ja -Methodologien konfrontiert. Auf der einen Seite Bilder und Schriftzeichen analog zu explorieren, zu skizzieren, zu entwerfen und zu visualisieren, auf der anderen Seite im Computer diese auf Zeichensprachen runterzubrechen und so zu reduzieren, um dem Designbegriff zu genügen. Vorteile beider Vorgehensweisen wurden dabei klar. Es lag auf der Hand diese zwei Techniken zu kombinieren. Der Type Generator ist natürlich erst der erste Schritt. Als nächstes steht an: der Bildgenerator.
red dot online: Wie funktioniert der Type Generator?
Remo Caminada & Ludovic Varone: Der Type Generator ist wie schon erwähnt eine digitale Entwurfsmaschine. Diese ist schnell, zeigt die Resultate unmittelbar und geht Typografie von einer anderen Seite an. Der Type Generator bietet nebst dem zwei wesentliche Vorteile. Es gibt die Register und die Parameter. Das Register steht für die Formen-Variationen (Semantik) und das Zweite ist die funktionale Ebene (Syntax).
red dot online: Welche Vorzüge bietet die Arbeit mit dem Type Generator?
Remo Caminada & Ludovic Varone: Sehr schnelles digitales Entwerfen von und mit Schriften. Mit dem Generator entwickle ich zu neuen Kontexten neue Formen und kreiere damit neue Erzählformen. Ich kann in einer Stunde weit mehr als 100 Fonts generieren. Formen, die es so noch nie gegeben hat.
red dot online: Gibt es ein Wunschprojekt das Sie - vielleicht auch gemeinsam - gerne einmal realisieren würden?
Remo Caminada & Ludovic Varone: Typografie ganz zu vernichten: neue Kommunikationsplattformen auf Basis von allgemein verständlichen Bildern zu entwickeln, um den umständlichen Weg über den alphanumerischen Code abzukürzen. Damit bietet unser Generatoren-Konzept ganz neue Möglichkeiten.
Die neuen Zeichen müssten nicht erst auswendig erlernt werden, sondern könnten auf Anhieb erkannt und eingesetzt werden, Ähnlich wie die Bildzeichen der alten asiatischen Bild-Codes: (z.B. Im Altchinesischen bedeuten eine Hand und ein Fisch: Fische fangen. Eine Hand und ein Fisch versteht jedes Kind. Wozu brauche ich 12 Zeichen (Fische Fangen), die ich erst auswendig lernen muss und die dann nur in einer Sprache funktionieren?



