Dirk Schumann
Wind Power Station /

Interview mit Dirk Schumann

Seit 1992 besitzt Dirk Schumann sein eigenes Büro für industrielle Formentwicklung. Das Designbüro Schumann widmet sich der Konzeption, Gestaltung und Entwicklung von Produkten für Industrieunternehmen aus dem Konsum- und Investitionsgüterbereich. Zu den Kunden zählen namhafte Firmen wie Stiebel Eltron, British Petrol (BP), VW, Solar World oder Nordwind. Die Windkraftanlage, die er für Nordwind gestaltete, begeisterte mit ihrer völlig neuartigen Technologie der Energieübertragung und ihrem herausragenden Design die diesjährige red dot-Jury, die sie mit einem red dot: best of the best auszeichnete.

Welche Innovationen liegen der Windenergieanlage zugrunde?
Die gravierende Innovation der neuen Windkraftanlage der Firma Nordwind ist in einer völlig neuartigen Technologie der Energieübertragung zu sehen. Die Kraftübertragung an die energieerzeugenden Aggregate wird nicht mehr, wie generell üblich, über mechanische Getriebe gelöst, sondern über ein hydrostatisches Pumpensystem, das zugleich auch andere Funktionskomponenten versorgt, wie beispielsweise die Drehantriebe (Azimuth) und andere Systeme. Dadurch entfallen eine Vielzahl von Verschleißteilen sowie interne Energieverbraucher, was sich günstig auf die Servicekosten auswirkt und eine Ressourcenschonung darstellt. Das Handling der Technologie wird vereinfacht und die Geräuschentwicklungen werden reduziert. Zudem wird ebenfalls der Wirkungsgrad erhöht. Die Investitionskosten liegen erheblich unter denen vergleichbarer Systeme, was auch durch das zweiflüglige Rotorkonzept bedingt ist und wodurch der Einsatz von regenerativen Energiegewinnungskonzepten unterstützt wird. Durch das technologische Konzept wird die Anlage außerdem kompakter, was die Präsenz im Landschaftsbild mindert.

In einem Bereich, in dem Technik einen so hohen Stellenwert einnimmt – wie viel Raum bleibt da noch für die Gestaltung?
Eigentlich sehr viel. Ich begreife technische Vorgaben nicht als Einschränkung, sondern in vielen Fällen eher als Herausforderung. Je nach Projekt und Komplexität kann die Findung einer guten formalen Lösung einen wirklich aufwendigen Prozess in der Entwicklung darstellen. In anderen Fällen kann aber auch die Konstellation der technischen Komponenten eine Form unterstützen oder die Modifikation dieser Konstellation, unter Beachtung aller Funktionalitäten, gute Lösungen hervorbringen. Ich sehe die Technik aber auch nicht als ein Element, das notgedrungen in die Form einbezogen werden muss, sondern als integralen Bestandteil eines industriellen Produktes, der auch eine technische Ästhetik beinhaltet. Teilweise eröffnen neue Technologien der Gestaltung auch völlig neue Möglichkeiten.

Welche gestalterischen Aspekte waren Ihnen bei der Entwicklung besonders wichtig?
Die innovativen, technologischen Aspekte werden durch die Formensprache nach außen kommuniziert und zudem wird die Integration in das Landschaftsbild durch das Gestaltungskonzept positiv beeinflusst. Entgegen den sonst sehr pragmatischen und konstruktiven Anmutungen solcher Anlagen wurde bei dieser Entwicklung der Schwerpunkt auf das Erreichen einer eher skulpturalen und emotionalen Wirkung gelegt, um dadurch eine Charakteristik zu finden, die auch bei allen Leistungs- und somit Größenvarianten der Produkte ein einheitliches Bild ergibt –  und um dem Unternehmen eine eigenständige, differenzierende Erscheinung zu verleihen. Die fließenden Formen des Anlagenkörpers sind in ihrer Linienführung ausdrucksstark und charaktervoll und erfahren  durch die Gliederung der Einzelsegmente eine klare Strukturierung und Wahrnehmbarkeit. Die atmosphärische Farbgebung der Anlage verbindet sich mit den Farbtönen des Himmels und führt so zu einer leichten Verschmelzung der beiden Wahrnehmungsebenen. Dadurch wird die optische Gewichtung der Anlage im Landschaftsbild beeinflusst.

Wie nähern Sie sich einem neuen Projekt?
Zunächst durch das Erfassen aller wichtigen Aspekte, die für den Entwicklungspartner (Marketing, Marktsituation, Konstruktion) relevant sind. Danach folgt die Umsetzung dieser Informationen zu einem im Hintergrund aktiven und sich ständig aktualisierenden Speicher und schließlich die Konzentration auf die rein formale Erscheinung, die Gestik und den Charakter der Form. Darauf folgen die Bewertung und der Vergleich der Entwürfe mit den kundenrelevanten Aspekten.

Welches Wunschprojekt würden Sie gerne einmal realisieren?
Projekte aus dem maritimen und avionischen Bereich.