



Die Kunst des Car Design
Der lange Weg von der Skizze ins Museum.
"Form follows function" - mit diesem Ausspruch vertrat Louis H. Sullivan bereits 1896 die These, dass die Form der Funktion folge. Bis heute stellt die ständige Spannung zwischen Funktion und Form, zwischen Technik und Ästhetik, Rationalem und Emotionalem Kreative jeder Couleur vor eine immerwährende Herausforderung - Autodesigner sind hier keine Ausnahme. Auch für sie gilt primär die Zielsetzung, neben den Anforderungen an die Funktionalität eines Fahrzeugs auch Emotionales spürbar werden zu lassen.
Der Weg von der ersten Skizze über Computeranimationen und Modelle bis hin zur Präsentation eines Prototyps ist langwierig und kurvenreich. Nachvollziehbar wird dieser komplexe Entwicklungsprozess nun durch eine eigens angefertigte Arbeit in der Münchner Pinakothek der Moderne.
Wer diesen Bau des Architekten Stephan Braunfels betritt, findet sich nicht nur in einem Tempel für moderne Kunst, Architektur und Grafik, sondern auch in der weltweit größten Sammlung für Design und angewandte Kunst wieder. "Die Neue Sammlung" im jüngsten Museumsbau der bayerischen Landeshauptstadt beherbergt heute etwa 60.000 Werke aus den Bereichen Grafikdesign, Kunsthandwerk und Industriedesign. Ausgewählte Objekte begleiten den Besucher auf seiner kurzen Reise durch die Designgeschichte - von den Anfängen der Moderne bis zur Gegenwart, von Möbeln zu Computern über Schmuck bis hin zu Motorrädern und Automobilen.
"Die Idee des Design ist über das Automobil ideal darstellbar", erklärt Sammlungsdirektor Prof. Dr. Florian Hufnagl. "Denn wir verstehen das Auto nicht nur als ein von Ingenieuren gebautes funktionstüchtiges High-Tech-Konstrukt, nicht nur als Fahr-Zeug, sondern vor allem als ein von Designern in Form, Material und Farbe gestaltetes, sinnlich erfahrbares Kunstobjekt." Design solle nicht mehr allein mittels konkreter Gebrauchsgegenstände dargestellt werden, sondern selbst als symbolische Darstellung erfahrbar sein, so die Vision von Hufnagl. Sie wurde nun, nach Jahren intensiver Gespräche mit der BMW Group, gemeinsam mit dem Unternehmen verwirklicht. Konkrete Aufgabenstellung war, ein markenunabhängiges Statement des Design-Prozesses zu kreieren und dieses bildnerisch umzusetzen - eine außergewöhnliche Herausforderung, die ein außerordentliches Team erforderte. So arbeiteten Designer und Formgestalter der BMW Group tatsächlich "Hand in Hand" mit den Künstlern Akiko Sato und Giorgie Cpajak, mit Meistern der Steinmetzkunst, mit Stuckateuren, Ingenieuren, Konstrukteuren, Filmemachern und Projektmanagern.
Car Design als symbolische Größe
Ergebnis dieses Teamworks ist eine Gesamtinstallation im Raum des Fahrzeugdesign. Sie besteht aus zwei Installationen, die einerseits den Entwicklungsprozess in seinem chronologischen Ablauf visualisieren und andererseits das Spannungsfeld, in dem Automobil-Design sich realisiert. In nur 50 Tagen und Nächten entstand das gemeinsame Werk. Der erste Blick fällt auf eine große, hervor ragende Wandskulptur: Eine weifle gewölbte Freiformfläche in den Maßen zehn mal vierzehn Meter erhebt sich aus einem Marmorrelief von zwei Metern Höhe. Man nimmt zunehmend auch wechselnde farbige Bilder und filigrane Töne wahr: eine animierende Filminstallation, deren synchron geschaltete Loops über sechs Monitore ausgestrahlt und von leiser Minimalmusik begleitet werden.
Die zehnminütige Filminstallation wurde von einem Filmteam gedreht, bestehend aus Mitarbeitern der BMW Designabteilung in München, der Tochterfirma DesignworksUSA und der Produzentin Joey Forsyte. In faszinierend komponierten Bilderfolgen werden die vielschichtigen Abläufe des Car Design gezeigt: Stifte streichen über Skizzenpapiere, Hände formen Modelle, Feinstwerkzeuge ritzen Linien in den Ton. Die Skulptur wird gefertigt. Vorstufen des Automobils. Der künstlerische Entwicklungsprozess steht mit Philip Glass' " Konzert für Violine und Orchester" in einem Dialog.
"Autos sind die Skulpturen unseres alltäglichen Lebens" - so Chris Bangle, Chefdesigner der BMW Group. Tatsächlich steht im Prozess des Car Design mit dem Tonmodell stets die Skulptur im Mittelpunkt: Jedes Fahrzeug der BMW Group ist eine von Menschenhand individuell gestaltete Skulptur, das Clay-Modell, die schließlich tausendfach reproduziert wird. Die Filminstallation zeigt beides: Die Skulptur als originales Kunstwerk und die serielle Kopierbarkeit.
Das Statement der "Kunst des Car Design" visualisiert die groflflächige Wandfläche auf andere, ganz besondere Weise. Das Skulpturale ist hier nicht in Ton gestaltet. In Anlehnung an grofle Vorbilder aus der Kunstgeschichte ist der "Ursprung" des Design aus Statuario-Marmor, einem Material, das für die Tradition, Solidität und Qualität klassischer Kunst steht. Die in den Marmor eingebetteten und aus ihm wachsenden Formen und Linien verführen: Sie wollen mit den Händen ertastet und weiter verfolgt werden. Das Emotionale ist hier sinnlich erfahrbar, das Berühren des Marmorreliefs ausdrücklich gewünscht: Berührung berührt.Bevor die rund dreißig Tonnen schweren Marmorblöcke für die Skulptur aus Italien nach Deutschland gebracht wurden, hatten die BMW Designer und Modelleure ihre Ideen und Bilder zu Papier gebracht, Formen skizziert und in CAS (Computer Aided Styling) am Computer ausgearbeitet. Die in Leipzig vorgefrästen Blöcke wurden in München vor Ort im Raum des Fahrzeugdesign zusammengesetzt und verschraubt. Mit Hilfe einer eigens entwickelten und extrem belastbaren Hängekonstruktion wurden die massiven Marmorplatten schließlich an der Wand des Ausstellungsraums befestigt. Das auflergewöhnliche Team verlieh den grob gefrästen Formen den letzten Schliff. Im Zentrum der Gesamtskulptur liegt auf der Freiformfläche - gleich einem Akt - die "perfekte Kurve", die den Betrachter fasziniert. Die weifle Fläche spannt und wölbt sich nach oben, als würde sie Energie von einer rationalen Welt erhalten. Hinter der Wölbung - auf beiden Seiten verborgen - findet sich die technische Welt: Assemblagen von Fahrzeugteilen, Zitate für Technik und Entwicklung, für Kraftübertragung und Steuerung. Für den Betrachter sind diese komponierten Fahrzeugteile nur von den Seiten her einsehbar. Die Installation trägt den Titel "Art of Car Design" und einzig die Marmorinschrift "BMW Design 2002" gibt Aufschluss über ihren Schöpfer.
Der Design-Prozess ist ein Prozess ohne Ende. "Design schläft nie" lautet das Credo der Designer. Auch in der Pinakothek der Moderne ist der Design-Prozess selbst nachts noch in vollem Gange: Bilder und Wortflashs werden bei Einbruch der Dunkelheit auf die grofle Freiformfläche projiziert - ein eigens für diesen Zweck gedrehter Film von fünf Minuten Länge. Die Kunst des Car Design ist immer und für jeden wahrnehmbar: Auch Passanten draußen können durch die Fenster nach innen sehen und Design erleben, bei Tag und Nacht.
Ohne Kritik keine Kunst
Um den gestalterischen Anspruch und die serientechnische Machbarkeit eines Modells miteinander in Einklang zu bringen, arbeiten verschiedene Spezialisten - Exterieur- und Interieurdesigner, Modelleure, Ergonomiespezialisten und Ingenieure - eng mit Entwicklungs- und Fertigungsexperten zusammen. In die neuen Entwürfe der Kreativen fließn Konzeptvorgaben aus den unterschiedlichsten Bereichen ein: Vorgaben aus Marketing und Vertrieb sowie Ergebnisse aus Markt- und Trendforschung und kontinuierliche Zielgruppenanalysen müssen berücksichtigt werden - ebenso wie länderspezifische Vorlieben der Automobilkäufer.
In diesem intensiven Prozess werden die erarbeiteten Entwürfe immer wieder hinterfragt und neu definiert; erst Hunderte von Skizzen und Entwürfen später werden die Favoriten unter den Tonmodellen dem Vorstand präsentiert, der schließlich gemeinsam mit Vertretern aus dem Design über die endgültige Form des neuen Autos oder Motorrads entscheidet.
Nicht immer macht dabei der heimliche Favorit der Designer und Modelleure das Rennen. Aber "positive und negative Erfahrungen gehören zum Leben eines Designers", so Chris Bangle. Für ihn besteht die ständige Herausforderung an sich und sein Team darin, den kreativen Freiraum zwischen pragmatischen - unternehmerischen und wirtschaftlichen -Anforderungen und künstlerischer Leidenschaft immer wieder neu zu definieren.
And the winner is...
Auch Studenten und junge Designer können gar nicht früh genug damit anfangen, sich der Konkurrenz und den kritischen Augen der Experten zu stellen. 2002 hat die BMW Group daher zum ersten Mal die BMW Design Modelling Competition (DMC) ausgeschrieben, an der deutschlandweit Absolventen an Designhochschulen und gestalterischen Fachschulen teilnehmen können. Aufgabe der ersten Ausschreibung war es, eine vorgegebene zweidimensionale Automobildesignskizze in ein 3D-Modell umzuwandeln. Die Nachwuchstalente hatten dabei die Wahl zwischen einem Clay-Modell im Maflstab 1:4 oder einer computergestützten Visualisierung. 83 Studenten stellten sich der Herausforderung und den kritischen Augen der Jury und nahmen am BMW Design Modelling Competition teil. Kreativität und Qualität der eingereichten Arbeiten beeindruckte die hochkarätige Jury um Chris Bangle ebenso wie den Schirmherrn des Wettbewerbes und Vorstand Entwicklung und Einkauf der BMW AG, Dr. Burkhard Göschel. Und so soll der in der Automobilindustrie einzigartige Wettbewerb auf der Suche nach den Car Modelleuren von morgen in den nächsten Jahren auch auf internationaler Ebene an den Start gehen.
Nähere Informationen zum Wettbewerb finden Sie auch im Internet unter: www.bmwgroup.com/dmc





