Prof. Dr. Peter Zec

Was kennzeichnet den red dot design award?

Und was differenziert den red dot von anderen Design-Wettbewerben? red dot-Geschäftsführer Professor Dr. Peter Zec stellt sich den Fragen der Redakteurin Katharina Altemeier:


Für was steht die Marke „red dot“?

Für den weltweit führenden Designwettbewerb. Für höchste Designkompetenz und ausgezeichnetes Design.

Wie unterscheidet sich der red dot design award vom iF Design Award?

Zunächst einmal quantitativ, so ist der red dot design award allein im Bereich „Produktdesign“ etwa 35 % größer als der iF award – und darüber hinaus internationaler ausgerichtet. Das ist aber nicht das Wesentliche, denn die quantitativen Unterschiede zwischen red dot und iF basieren auf mehreren qualitativen Besonderheiten.

Da ist zum anderen die Zusammenstellung der Jury: Beim red dot design award werden nur unabhängige Juroren eingeladen. Das bedeutet, dass ein Juror nicht bei einem Indstrieunternehmen angestellt sein darf. Wir möchten Interessenskonflikte vermeiden, die unausweichlich sind, wenn man Juroren von Industrieunternehmen einlädt. Wie kann etwa der Designchef von Philips oder Samsung völlig ohne Vorbehalte über Produkte seiner härtesten Wettbewerber urteilen? Außerdem muss die Produktdesign-Jury bei red dot zu mindestens 80 % international besetzt sein. Im vergangenen Wettbewerb lag die Quote sogar bei 90 %, da waren von 30 Juroren nur drei aus Deutschland vertreten. Dadurch garantieren wir die internationale Objektivität des Wettbewerbs. Natürlich werden in die Jury des red dot design award nur tatsächliche Gestaltungsexperten eingeladen, also keine Marketingleute oder Unternehmer, sondern Designer von freien Designunternehmen, Fachprofessoren oder Fachjournalisten und Leiter von internationalen Designinstitutionen.

Anders als iF betreibt red dot zwei Designmuseen, in Deutschland und in Singapur. Das red dot design museum in Essen hatte alleine im Jahr 2010 rund 240.000 Besucher. Damit bildet das Museum einen wichtigen Ankerpunkt im Weltkulturerbe Zollverein. red dot leistet auf diese Weise einen kulturellen Beitrag, der vom Tochterunternehmen einer Messegesellschaft gar nicht zu leisten ist, und dadurch verfügt red dot über eine ganz andere Reputation als iF. In unseren Museen werden nicht nur die ausgezeichneten Produkte gezeigt. Darüber hinaus veranstalten wir regelmäßig Themenausstellungen, die die kulturelle Ausrichtung von red dot unterstreichen. Natürlich verlieren wir dabei die Designwirtschaft nicht aus den Augen.

Um das Verhältnis von Design und Wirtschaft auf akademischem Niveau näher zu untersuchen, haben wir vor einiger Zeit das red dot institute for advanced design studies gegründet. Von diesem Institut werden Marktbeobachtungen durchgeführt, die zu Forschungs- und Studienzwecken herangezogen werden. Im Rahmen dieser Tätigkeit haben wir analog zur Berechnung von Markenwerten eine Formel zur Berechnung des Designwertes von Unternehmen entwickelt. Diese Arbeit hat weltweit große Aufmerksamkeit erregt und hohe Anerkennung gefunden.

Weitere Unterschiede können Sie selbst auch herausfinden, wenn Sie einfach nur einmal die Inhalte der Webseiten von red dot und iF vergleichen. Auch hier werden Sie feststellen, dass red dot weitaus mehr als nur ein Designwettbewerb ist. Darauf gründet sich die internationale Reputation und Anerkennung unserer Arbeit.

Was ist Ihrer Meinung nach gutes Design?
Design ist sehr facettenreich und hat, je nach Aufgabengebiet, unterschiedlichen Zwecken gerecht zu werden. Aus diesem Grund laden wir für die verschiedenen Produktgruppen in unserem Wettbewerb auch Juroren mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen, Erfahrungen und Arbeitsschwerpunkten ein. Möbeldesigner können nun einmal nicht so gut Werkzeuge oder medizinische Geräte beurteilen wie Experten auf diesen jeweiligen Gebieten.

Trotz der erforderlichen Differenzierung nach unterschiedlichen Produktbereichen habe ich für mich eine Art Faustformel zur Beurteilung von gutem Design aufgestellt. Es handelt sich dabei um vier Qualitäten, über die ein Produkt in unterschiedlicher Ausprägung verfügen muss, um für gutes Design zu stehen: die Qualitäten der Funktion, der Verführung, des Gebrauchs und der Verantwortung. Je nach Aufgabengebiet eines Produktes kann dabei jede einzelne dieser Qualitäten mehr in den Vordergrund oder in den Hintergrund treten. Wenn alle vier Qualitäten zu einer ausgewogenen Synthese gelangen, handelt es sich um gutes Design.

Wenn man das Ganze aus einem mehr wirtschaftlichen Blickwinkel betrachtet, dann könnte man auch mit dem ehemaligen IBM-Präsidenten Thomas Watson jr. argumentieren: „Good design is good business.“ Für die Relevanz dieser Aussage habe ich gemeinsam mit Burkhard Jacob in unserem Buch „Der Designwert“ zahlreiche Beispiele und Begründungen gegeben. Design ist ein komplexes Aufgabengebiet, das man sehr differenziert betrachten muss, um zu relevanten Aussagen und Ergebnissen zu gelangen.

Inwiefern ist der rote Punkt eine Orientierungshilfe für den Verbraucher?
Wir können beobachten, dass der red dot auch bei Endkonsumenten immer mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung erlangt. Zum einen ist dies darauf zurückzuführen, dass der red dot von immer mehr Unternehmen als Qualitätsmerkmal in der Werbung und Unternehmensdarstellung eingesetzt wird. Davon konnte ich mich Ende des Jahres wieder an Bord einer Lufthansa-Maschine überzeugen: Im Bordverkauf-Magazin wird sechs Mal mit einem red dot für die besondere Designqualität eines Produktes geworben.

Darüber hinaus bewirken die Besuche in unseren Museen auch eine gewisse Bekanntmachung des red dot. Allerdings muss man fairerweise einräumen, dass die breite Masse sicher noch nicht so viel mit dem Siegel anzufangen weiß.
Unabhängig davon steigt aber der Druck des Handels auf die Industrie, ihre Produkte mit zusätzlichen verkaufsfördernden Attributen auszustatten. Da kommt es immer häufiger vor, dass Handelsunternehmen Produzenten auffordern, sich mit ihren Produkten um einen red dot zu bewerben. In zahlreichen Branchen gleichen sich die Produkte unterschiedlicher Hersteller immer stärker an. Da sind es dann in der Regel nur noch gute Detaillösungen, die den Unterschied ausmachen. Genau dafür – und zur Orientierung des Verbrauchers – werden einige Produkte dann eben auch mit einem red dot ausgezeichnet.

Dies können wir auch bei den Besuchern unserer Museen beobachten. Die meisten kommen zu uns, um sich besser orientieren zu können, was gutes Design ist. Mit der Zeit werden immer mehr Verbraucher den red dot als nützliche Orientierungshilfe entdecken, und davon werden letztendlich auch Händler und Hersteller profitieren.

In Fachkreisen ist das Siegel recht hoch geschätzt. Aber kann Otto Normalverbraucher überhaupt etwas damit anfangen? Oder haben Awards wie red dot eher branchenintern Bedeutung – im Sinne von Competition?
Natürlich steht die brancheninterne Bedeutung von Designwettbewerben wie dem red dot design award bei den teilnehmenden Unternehmen zunächst im Vordergrund des Interesses. Diese Idee stand auch von Beginn an hinter der Gründung derartiger Wettbewerbe. Schließlich war es sowohl bei iF als auch bei red dot ja die Industrie selbst, die diese Auswahlverfahren in den 1950er Jahren ins Leben gerufen hat. Am Anfang stand also ein handfestes unternehmerisches Interesse und nicht etwa eine Marketingidee zur Betreibung eines Designzentrums. Die Geschichte des red dot design award wird in dem Buch „Die rote Linie – auf der Suche nach Spitzenleistungen im Design“ von den Autoren Frank Reinhard und Claudia Wanninger anschaulich und detailliert beschrieben. Die Autoren sind bei ihren Recherchen auch darauf gestoßen, dass man seitens des BDI und der interessierten Unternehmen zunächst nur einen Wettbewerb ins Leben rufen wollte. Dieser sollte im Rahmen der Industriemesse in Hannover ausgestellt werden und in Essen beheimatet sein. Daraus wurde aber nichts, und so sind schließlich die beiden Wettbewerbe „iF award“ und „red dot design award“ entstanden. Allerdings firmierte der red dot design award damals noch unter einer anderen Bezeichnung – den Titel „red dot“ haben wir erst im Jahre 1992 eingeführt.

Die Industrie hat die Gründung dieser Wettbewerbe jedoch von Beginn an nicht nur als Selbstzweck betrieben; die ausgezeichneten Produkte wurden immer schon in Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Demnach hatte man durchaus von Beginn an Otto Normalverbraucher im Blick. So wurde die erste Ausstellung in Essen im Jahre 1955 von über 300.000 Menschen besucht, und auch in den folgenden Jahren wurden ähnliche Besucherzahlen erreicht. Erst in den 1970er Jahren ging das Interesse der Öffentlichkeit deutlich zurück, und inzwischen scheint es seit einigen Jahren neu zu erwachen. Das zeigen zumindest die konstant steigenden Besucherzahlen in unseren Museen und der verstärke Einsatz des red dot-Siegels in der Werbung.

Neben den zahlreichen red dot-Auszeichnungen vergeben Sie jährlich an herausragende Arbeiten auch den Titel „red dot: best of the best“. Kann es wirklich so viele Bestleistungen geben? Und: Was sind die Kriterien für dieses Prädikat?
Bei der normalen Auszeichnung mit einem red dot geht es ja darum, ein gelungenes Design zu würdigen und als vorbildlich darzustellen. Das war auch die Idee der Gründungsväter. Mithilfe des Auswahlverfahrens sollten formschöne Produkte zu einer Musterschau zusammengestellt werden. Diese Schau sollte dann sowohl anderen Unternehmen als auch der Öffentlichkeit als Anregung für gutes Design dienen. Eigentlich könnten beim red dot design award alle eingereichten Produkte, die diesem Anspruch wirklich gerecht werden, ausgezeichnet werden. Bei der Vielzahl der Anmeldungen macht eine derartige Praxis natürlich keinen Sinn mehr. Deshalb wählen die Juroren aus der großen Zahl der Produkte nur jene aus, die sich in der einen oder anderen Weise unterscheiden. Manchmal ist es die Gestaltung eines Details, die den Unterschied ausmacht. Pro Produktgruppe können die Juroren dann maximal drei Produkte auswählen, die sie für besonders hervorragend halten. Diese Produkte werden mit der Auszeichnung „red dot: best of the best“ versehen.

Die Juroren sind bei dieser Auswahl besonders kritisch, oft wählen sie auch weniger als drei Produkte in einer Kategorie aus. Deshalb wird in der Regel nur 1 % aller teilnehmenden Produkte mit einem „red dot: best of the best“ ausgezeichnet. Gemessen an der Zahl von Produktinnovationen, die Jahr für Jahr auf den Markt kommen, ist die Zahl der Bestleistungen sehr gering. Wer einen „red dot: best of the best“ erlangt, der darf sich tatsächlich zu dem einen Prozent der Besten eines Jahrgangs zählen. Bei der Auswahl dieser Produkte werden die vorhandenen Kriterien des Wettbewerbs besonders streng ausgelegt. Das macht den Unterschied.

Was sagt der red dot design award über die Kreativität eines Designers oder Unternehmens aus?
So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so macht auch eine Auszeichnung mit einem red dot noch keinen Top-Designer und gar ein Top-Unternehmen aus. In der Regel sind es ja die Unternehmen, die sich um die Auszeichnung bewerben. Für sie ist es wichtig, ihren Standort im Bereich des Designs zu bestimmen. Zum Teil überprüfen Unternehmen auch, ob sie mit den richtigen Designern zusammenarbeiten. Es kommt immer wieder vor, dass Unternehmen die Zusammenarbeit mit einem Designer kündigen, wenn sie über einen längeren Zeitraum keinen red dot erhalten haben.

Andererseits gibt es Designer und Unternehmen, die regelmäßig ausgezeichnet werden. Diese zählen zu den jeweils kreativsten ihrer Branche. Es ist schon erstaunlich, dass gerade auch die Unternehmen und Designer immer wieder am Wettbewerb teilnehmen, von denen viele sagen würden, dass sie doch sowieso führend im Design sind. Aber offenkundig möchten sie sich dennoch immer wieder mit anderen messen und vergleichen, um sich ihre Kreativität und Leistungsfähigkeit durch das Urteil einer unabhängigen Jury bestätigen zu lassen. Das ist so wie im Sport: Die besten Athleten müssen ihre Leistungen immer wieder im Wettkampf mit anderen unter Beweis stellen. Wer aufhört, an Wettkämpfen teilzunehmen, ist entweder nicht mehr konkurrenzfähig oder blind für die Leistungsfähigkeit der anderen. Man kann also sagen, dass die Unternehmen und Designer, die regelmäßig mit ihren Produkten ausgezeichnet werden, in der Tat über eine besondere Kreativität verfügen. Für alle anderen ist die Auszeichnung mit einem red dot eine Bestätigung, dass sie auf dem richtigen Weg sind, und zugleich ist es für sie Motivation, um mit großem Engagement weiterzumachen.

Ärgert es Sie, dass sich der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland „Preis der Preise“ nennt und seine Nominierungen u. a. aus der red dot-Gewinnerliste rekrutiert?

Im Rheinland, von dem wir ja in Essen nicht weit entfernt sind, könnte man dazu die Auffassung „Man muss auch jönne könne“ vertreten. Es ist allerdings beschämend für die Bundesregierung und speziell für den Bundeswirtschaftsminister, dass er eine derartig unseriöse Praxis in seinem Namen geschehen lässt und dies dann auch noch mit den viel zu knappen Steuermitteln unterstützt. Dieser Preis ist in der Form, wie er praktiziert wird, total überflüssig, da er keinen originären Beitrag zur Förderung des Designs oder der Wirtschaft leistet. Schließlich werden ja nur Produkte nominiert und ausgezeichnet, die bereits im iF oder im red dot design award ausgezeichnet wurden. Diese beiden Wettbewerbe sind finanziell vollkommen unabhängig von öffentlichen Förderungen oder Steuermitteln. Wieso muss dann der Wirtschaftsminister noch einmal eins oben drauf setzen, indem er mit dem Geld der Bürger einen weiteren Wettbewerb unterstützt, der eigentlich keine neuen Erkenntnisse fördert oder eine bessere Qualität und Wirkung hervorbringt?

International ist dieser staatlich geförderte Wettbewerb im Vergleich zum iF und dem red dot design award völlig bedeutungslos. Er sorgt bei ausländischen Unternehmen bestenfalls für Verwirrung, wenn sie vom „Rat für Formgebung“ informiert werden, dass sie nominiert wurden. Viele können damit überhaupt nichts anfangen und halten das für ein unseriöses Angebot. Der Wirtschaftsminister sollte sich mal überlegen, ob er das Überleben des Rats für Formgebung nicht mit seriöseren Mitteln ermöglichen kann. Ich vermute allerdings, dass der Wirtschaftsminister sich selbst noch nie mit dieser Problematik beschäftigt hat, schließlich haben ja bereits seine Vorgänger das Gleiche gemacht. Ignoranz schützt aber nicht davor, die Verantwortung für ein unnützes Vorhaben und die Verschwendung von Steuermitteln zu tragen.

Ich habe mit einigen Designern gesprochen, die generell kein Verständnis dafür haben, dass sie für eine Auszeichnung zahlen sollen, denn in der Regel sei ein Preis ja dotiert, so lautet deren Argumentation. Wie erklären Sie ihnen das?
Wahrscheinlich kann ich denen das gar nicht erklären, denn wenn sie es verstehen wollten, hätten sie das längst tun können. Natürlich gibt es Preise, die mit einem Preisgeld dotiert sind. In der Regel werden diese Preise aber zu besonderen Zwecken vergeben. Zumeist möchten sich die Organisationen und Unternehmen, die derartige Preise ausloben, einen Vorteil sichern – sei es ein Imagegewinn oder der Zugriff auf relativ billig zu bekommende neue Ideen. Somit dienen diese Preise in der Regel auch handfesten Zwecken und Interessen.

Bei uns ist das ganz anders. Wir erbringen mit dem Wettbewerb eine Dienstleistung für Unternehmen und Designer. Jeder kann dabei selbst entscheiden, ob er diese Leistung gegen eine Gebühr, die von vornherein bekannt ist, in Anspruch nehmen möchte oder nicht. Durch die Gebühren, die wir erheben, sichern wir zugleich die Unabhängigkeit unseres Wettbewerbs. Dadurch garantieren wir ein faires Urteil, was ja für die Teilnehmer von höchster Bedeutung ist. Mit ihren Gebühren sichern also die Teilnehmer die Qualität des Wettbewerbs, wobei die Teilnahmegebühr für alle relativ gering ist. Alle anderen Leistungen werden dann nur noch für die Gewinner angeboten. Jedoch sind auch dafür die Gebühren vergleichsweise so gering, dass kaum einer nicht daran teilnehmen möchte.

Für Designer, die noch in der Existenzgründungsphase sind, haben wir seit 2009 ein neues Programm aufgelegt: Wir verlosen 50 komplett freie Teilnahmen am Wettbewerb. Für die Gewinner sind dabei auch alle weiteren Leistungen kostenlos.

Es bleibt also jedem selbst überlassen, ob er zu den bekannten Bedingungen teilnehmen möchte oder nicht. Keiner wird gezwungen mitzumachen. Doch ist es – wie im Sport – immer schöner, dabei zu sein, als den anderen bei ihren Erfolgen bloß zuzuschauen. Nur wer sich dem Wettbewerb stellt, kann gewinnen.