Einblicke in die Jury des red dot award: design concept: Professor Axel Thallemer im Interview.
Der red dot award: design concept 2011 ist bereits in vollem Gange. Am 13. Mai endet der reguläre Einreichungszeitraum und Mitte Mai wird eine aus 17 Experten bestehende Jury die wichtige Aufgabe haben, eine engere Auswahl der kreativsten und innovativsten – und dennoch herstellbaren – Ideen und Prototypen zu treffen. Verschaffen Sie sich am Beispiel von Professor Axel Thallemer einen Einblick, welcher fachliche und persönliche Hintergrund die Juroren in ihrem Denken, Handeln und Entscheiden beeinflusst.
Professor Axel Thallemer war Gründer und Leiter von Festo Corporate Design und entwickelte Festo von einer Markenfamilie zu einer globalen Dachmarke. Seit 2004 ist er Dekan für Industriedesign in Linz, Österreich, und Inhaber des Studios “... innovation input by team Airena®!”. Er ist Gastprofessor an verschiedenen renommierten Universitäten, sowohl in den USA, als auch in Asien, und seine Arbeiten haben viele internationale Designpreise gewonnen, darunter der red dot und der japanische good design award.
Was können Sie uns über Ihre neuesten Projekte und Aktivitäten erzählen?
Ich bin sehr froh darüber, dass meine beiden letzten Bücher über meine Ansichten zum Thema Design veröffentlicht worden sind. Nach „AIR“ und „WATER“ sind somit jetzt auch „SCIONIC: Purpose-driven Form“ und „Visual Permutations“ erhältlich. Für mich geht es bei Gestaltung nicht um die Herstellung physischer Modelle, sondern Gestaltung ist das direkte Produkt von Philosophie, Wissenschaftstheorie und einem non-verbalen Sprachsystem, das aus bewusst gestalteter Materie besteht.
Im sozialen Netzwerk aus Mensch, Technologie und Ökologie habe ich kürzlich mit meinen Projektteams neue Roboterarmtypen gestaltet und verfeinert. Diese Arme sehen nicht humanoid aus, sind aber dennoch zu menschen-ähnlichen Bewegungen fähig, um so nachhaltig mit Menschen zu interagieren und sie universell zu unterstützen.
Danach folgten Verbesserungen an oberirdischen Hochspannungsleitungen und Strommasten. Zurzeit arbeite ich an Steuerungskomponenten und -leitständen für Wasserkraftwerke und deren Mensch-Maschine-Schnittstellen, um die Sicherheit und Effizienz zu verbessern, damit sie denen im Bereich grüner Energiegewinnung entsprechen.
Was ist das spannendste Konzept und die spannendste Idee, die Sie jüngst gesehen haben?
Bemannte Raumfahrt hat wahrscheinlich mehr zum Fortschritt nachhaltiger Gestaltung auf der Erde beigetragen als der Berufsstand der Designer. Die gesamte Diskussion über bemannte Raumfahrt zum Mars hat einige fortschrittliche Ideen im Bereich Life Sciences und Lebenserhaltung vorangetrieben. Um nur eine zu nennen: Die Benutzung von Gasen, Flüssigkeiten und festen Substanzen in geschlossenen Kreisläufen spielt eine extrem wichtige Rolle bei der Überschreitung der Mobilitätsgrenzen im Weltraum. Hier auf der Erde angewandt, können diese Forschungsergebnisse möglicherweise zu grüneren Städten, geringerem Energieverbrauch und besseren Lebensbedingungen in großen Metropolregionen führen, dort wo das größte Wachstum menschlicher Besiedlung stattfindet. Zeitgenössische Millionenstädte sind jedoch viel umweltschädlicher als Industrien, in denen relativ viele Regeln und Vorschriften streng durchgesetzt werden.
Warum haben Sie sich entschieden, Designer zu werden?
Meiner Meinung nach gibt es eine bedeutungsvolle Beziehung zwischen Zweck, Form und Material in der Natur. Alles ist im Gleichgewicht, mit minimaler Nutzung von Ressourcen, wie zum Beispiel Energie, und nahezu unendlich recyclierbar. Genau das Gegenteil gilt bisher für zeitgenössische Produkte. Manchmal ist man versucht zu sagen, dass je zeitgenössischer das Design, desto weniger Sinn macht es für die Zukunft der Menschheit. Die oberflächliche Verschönerung von Dingen führt nicht zu besseren Innovationen. Ich möchte beweisen, dass es Design jenseits von Mode und Styling gibt, dass es einen Grund für die Existenz eines Produktes gibt, nicht bloß Funktionalität oder Utilitarismus. Ich möchte die Ausgestaltung von Dingen auf einer umfassenderen Idee aufsetzen, nicht dass sie bloß ein Symbol für Macht oder Status ist.
Was definiert Sie als Designer?
Nicht nur ein Künstler zu sein, der lediglich persönlichen Stil in seinen Designs zeigt, sondern statt dessen der Entwickler neuer Produkte mit Hilfe eines analytischen, wissenschaftlichen Ansatzes, um so bessere Lösungen zu bestehenden Antworten und Fragen des alltäglichen Lebens zu finden.
Ich glaube an Produkte ohne Marken-Archetypen, ohne suggestives Marketing, ohne flache, werbungsgesteuerte Gestaltung, die lediglich darauf abzielt, Gewinne zu erhöhen, aber nicht den Inhalt und die technischen Grundlagen des zukünftigen Produktes zu verändern. Ich glaube an Designs, die durch wahrhaft transdisziplinäre, neue Produktentwicklungsprozesse sowohl wissensbasierte Sprachgrenzen überschreiten, als auch über die Informationsfragmentierung durch Spezialisierung hinausgehen.
Ich unterrichte die nächste Studentengeneration durch meine Forschung und ich bin stolz darauf, dieses inhaltgesteuerte Ideal zu verbreiten.
Was befindet sich in Ihrer Tasche?
Meine Tasche gefällt mir einfach an sich; den Inhalt mag ich nicht so gerne, obwohl er notwendig ist. Die Tasche besteht aus Kunststoffen und ich habe sie in sechs Farben, passend zu meiner Kleidung. In der Tasche sind Schlüssel, Schlüssel und Schlüssel, Kreditkarten, ein Reisepass, Memorysticks, ein zusammenfaltbarer Kugelschreiber, eine Miniatur-Blaulicht-LED-Taschenlampe und eine robuste, japanische Digitalkamera als mein virtuelles Skizzenbuch. Bis auf Letztere haben alle keine Marke. Darüber hinaus gibt es in der Tasche noch eine gegerbte Agakröte aus Australien als Schlüsseletui und ein Portemonnaie für Münzen aus Stachelrochenleder, beides ohne Marke. Und schließlich ist da noch ein schwarzer Flaschenöffner aus einem faserverstärkten Verbundwerkstoff, keine Marke. Ich habe ihn bis jetzt noch nicht benutzt, aber ohne ihn könnte ich keinen Kronkorken öffnen.
Was ist Ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel und warum? (Was für ein Auto fahren Sie und warum haben Sie dieses spezielle Modell gewählt? Oder falls Sie statt dessen Zug fahren, etc., aus welchem Grund?)
Mein erstes Auto im Alter von 30 Jahren war zum Glück ein Porsche. Und glücklicherweise fahre ich, seit ich 35 bin, keinen Porsche mehr. Heutzutage ziehe ich es vor, bewusst das zuverlässigste Auto einer japanischen Marke zu fahren. Ich definiere mich nicht über meine Autos, für mich sind sie reine Fortbewegungsmittel. Kein Stil, keine andere Funktion als Fortbewegung. Ich habe mein ganzes Leben lang immer so zentral wie möglich gewohnt, so dass meistens alles zu Fuß erreichbar war. Daher bestand für mich keine Notwendigkeit, ein Auto zu besitzen. Nahe bei Großflughäfen zu wohnen und gute Verkehrsverbindungen zu Massentransportmitteln zu haben, ist von größter Wichtigkeit für mich. Und zu guter Letzt: Autos sind sehr schlechte Investitionen, da sie die teuersten und am wenigsten nachhaltigen Verbrauchsgüter sind. Ich gebe das so gesparte Geld lieber für Kunst aus.









