Foto: Thomas Mayer
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Das Interview von Frank A. Reinhardt ist in der aktuellen Ausgabe des designreports erschienen. Klicken Sie auf das Titelbild, um direkt zur Website des designreports zu gelangen.

11.02.2004

designreport-Interview mit Peter Zec

Frank A. Reinhardt interviewte für die aktuelle Ausgabe der deutschen Fachzeitschrift designreport Prof. Dr. Peter Zec. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags und der Redaktion veröffentlichen wir dieses Interview hier:

 

 

Aufbruch aus dem Elfenbeinturm

Peter Zec steht in dem Ruf, ein Macher zu sein, der auch wirtschaftliche Interessen zu vertreten weiß. Er hat das Design Zentrum Nordrhein Westfalen international bekannt gemacht und neben dem iF in Hannover zum Aushängeschild des deutschen Designs profiliert. Im September wurde der promovierte Kommunikationswissenschaftler zum "President Elect" des ICSID gewählt, zum designierten Vorsitzenden des International Council of Societies of Industrial Design, dem Weltverband der Produktgestalter.

designreport:

2003 scheint ein gutes Jahr für das deutsche Design gewesen zu sein, zumindest auf dem Parkett der Lobbyisten. Der erste Kongress des ICSID in Deutschland – und nun wird mit Ihnen der erste Deutsche ab 2005 die Führung des Welt-Designverbandes übernehmen. Es hat schon mehrere Versuche gegeben, einen ICSID-Kongress nach Deutschland zu holen. Erst Ralph Wiegmann vom iF Hannover hat es geschafft. Ich denke allerdings, dass sich selbst unsere Leser nicht viel unter dem Verband vorstellen können. Das hat sicher etwas mit der Eigenart dieses Verbandes zu tun, der ja im Grunde genommen ein Verband der Verbände ist. Was macht der ICSID eigentlich, was ist seine Aufgabe?

Peter Zec:

In erster Linie geht es darum, international Lobbyismus für Design in den anderen NGOs zu betreiben, also den nicht parlamentarischen Organisationen (non governmental organizations), und auf dieser Ebene eine Präsenz des Designs sicherzustellen. Das ist das ideelle Ziel, zu dokumentieren, dass das Thema Design auch in der UNO eine Rolle spielen kann, in der Entwicklungshilfe genauso wie in anderen Bereichen.

designreport:

Von wem wird der Verband getragen?

Peter Zec:

Von den einzelnen Länderorganisationen. Zu den deutsche Mitgliedern des ICSID zählen zum Beispiel der Rat für Formgebung, das iF Hannover, die Design Zentren Stuttgart und Bremen sowie unser Design Zentrum Nordrhein Westfalen und das IDZ in Berlin. Es gibt außerdem eine Fördermitgliedschaft von Unternehmen wie zum Beispiel Braun, Mabeg, Grohe und so weiter.

designreport:

Was haben die Unternehmen davon, wenn sie den ICSID unterstützen?

Peter Zec:

Sie zeigen die Ernsthaftigkeit in ihrem Engagement für Design und können auf diese Art zum Ausdruck bringen, dass es ihnen nicht nur um den vordergründigen Geschäftserfolg mit dem einzelnen Produkt geht, sondern um die ideelle Entwicklung der Designidee und das weltweit. Sie zeigen so Weitsicht und integrieren sich in ein Spektrum von Gleichgesinnten, und zwar auf internationalem Niveau.

designreport:

Wie viel Politik steckt hinter der Präsidentenwahl?

Peter Zec:

Viel Lobbyarbeit. Nachdem ich das offizielle Votum der deutschen Mitglieder hatte, wurde ich mit den sehr unterschiedlichen und sich zum Teil sogar widersprechenden Interessen im ICSID konfrontiert.

designreport:

Die Lagerbildung von regionalen Identitäten und den Arm-Reich-Oppositionen, wie wir sie aus anderen Weltorganisationen kennen?

Peter Zec:

Ja. Es existiert eine starke Interessendifferenzierung zwischen den Kontinenten – es gibt eine asiatische und eine amerikanische Fraktion, die Europäer und die noch recht schwach vertretenen Afrikaner. Hinzu tritt die Opposition der Schwellen- beziehungsweise Entwicklungsländer zu den hoch entwickelten Ländern. Die Mehrheitsbildung war deshalb nicht nur schwierig, sondern auch knapp. Die Globalisierung bestimmte die Diskussion und bedeutet dementsprechend auch eine Verpflichtung für mich.

designreport:

Ist das Amt auch aus finanziellen Gründen attraktiv?

Peter Zec:

Im Gegenteil, das Amt verursacht eine Menge Kosten. Für eine ICSID Board Membership muss pro Periode mit mindestens 20.000 Euro gerechnet werden. In Deutschland müssen wir das selbst tragen. Letztendlich finanziere ich meine Tätigkeit selber. Aber das Amt ist natürlich auch mit Ansehen und einer Profilierung der Person verbunden.

designreport:

Auch eine Profilierung Deutschlands?

Peter Zec:

Auf alle Fälle. Das Interesse am Designland Deutschland steigt automatisch, wenn ein deutscher ICSID-Vertreter agiert. Das ist nicht anders als im Sport. Wenn ich die Präsidentschaft übernehme, werde ich natürlich aus meinem eigenen Kontext heraus argumentieren mit Referenzen auf Deutschland als Erfolgsbeispiel. An meinen Vorgängern habe ich erlebt, dass es eine große Rolle spielt, welche Nation hinter dem Amt steht, es ist mit Lerneffekten und Imagegewinn verbunden. Und schließlich: Nicht nur Italien ist eine Designnation.

designreport:

Was können Sie denn sonst noch bewegen, was haben Sie vor?

Peter Zec:

Ich fungiere schon jetzt als eine Art Vizepräsident. Und im Moment beschäftigt uns die Frage, wo der Sitz von ICSID in Zukunft sein wird. Wir streben eine Kooperation mit dem anderen Design-Weltverband an – mit dem Grafikdesign-Verband Icograda. Ich halte es für sinnvoll, hier Kapazitäten zu bündeln. Das ist also eine der großen Herausforderungen: zu sondieren, wo diese beiden Weltvereinigungen in Zukunft ihren Sitz haben sollen. Wir sind dabei, eine International Design Alliance (IDA) ins Leben zu rufen – eine Art Dachorganisation, die es den Designern ermöglicht, mit einer Stimme zu sprechen, und die dennoch beiden ihre Unabhängigkeit lässt. Mit einer gemeinsamen Organisationsform würden wir deutlich machen, dass es ein gemeinschaftliches Anliegen gibt, und könnten dem Thema Design ein noch größeres Gewicht verleihen.

designreport:

Das hört sich alles sehr trocken an. Wo liegt der praktische Wert?

Peter Zec:

Der ICSID hat auch sehr viel mit sozialem Engagement zu tun. Wir haben eine weitere gemeinschaftliche Organisation geschaffen, deren Name Programm ist: Design for the World. Sie ist 1998 auf Initiative von Kenji Ekuan entstanden, der auch ihr Vorsitzender ist. Hier geht es darum, Design in existenziell armen Ländern zu fördern selbst in Regionen Afrikas, in denen es sonst eher darum geht, Trinkwasser aufzubereiten. Wir wollen aufseiten der Industrie ein Verständnis für diese Anliegen und für die Bedeutung des Designs wecken.

designreport:

Was hat denn Design mit sozialem Engagement zu tun?

Peter Zec:

Ein ganz wesentlicher Punkt ist nun einmal die Ausbildung. Es ist nicht zu leugnen, dass die Designentwicklung weltweit immer mehr auseinander driftet. Die hoch entwickelten Industrienationen haben ein verfeinertes, ausgeklügeltes Designverständnis entwickelt, während auf der anderen Seite die Bedingungen für Designstudenten mehr als bescheiden sind und andere Maßstäbe und Zielrichtungen gelten. Die Schere geht immer weiter auseinander, und wir sind verpflichtet – durchaus auch mit einem wirtschaftlich motivierten Denken im Hintergrund –, diesen Spalt zu kitten.

designreport:

Die Industrienationen sollten schon alleine deshalb ein Interesse daran haben, weil anspruchsvolle Produkte auch einen aufgeklärten Markt benötigen.

Peter Zec:

Wir haben schon jetzt Probleme, ausbildungstechnisch etwas zu bewegen – selbst in Hinblick etwa auf die entwickelteren Nationen in Asien. In Nagoya kam ein Delegierter aus dem Libanon mit einem sehr direkten Anliegen auf mich zu: "Du bist gewählt, jetzt musst du mir helfen." In der ganzen arabischen Welt gebe es keine Designausbildung. Jordanien würde wohl Gelder zur Verfügung stellen, im Libanon ist das nicht möglich, aber er habe den Auftrag von Jordanien, mit mir zu reden, um etwas zu unternehmen. Wenn wir in solchen Ländern auf der Ausbildungsebene Entwicklungsprogramme aufbauen – und spätestens hier wird klar, dass unsere Arbeit immer im Kontext von UNO und so weiter stehen muss –, könnten wir eine ganz andere Basis für die Menschen dort schaffen. Meine Aufgabe in Deutschland sehe ich deshalb auch darin, ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, dass es in der Welt ganz andere Probleme gibt, die aber nichtsdestotrotz etwas mit Design zu tun haben können.

designreport:

Und was bedeutet das für deutsche Designer?

Peter Zec:

Wenn wir mit unserem Potenzial an ausgebildeten Designern eine Form von Entwicklungshilfe leisten, dann hat das zunächst vor allem kulturell und sozial eine große Bedeutung. Aber es wirkt sich auch wirtschaftlich aus. Warum? Weil zum Beispiel die Chilenen dadurch, dass sie vor Jahren von deutschen Designern ihre Grundlagen vermittelt bekommen haben, immer noch sehr stark auf Deutschland orientiert sind. Ich sehe eine große Chance darin, qualifzierte Leute in Deutschland zu ermutigen, im Ausland in den Bildungsbereich

zu gehen, um dort sozusagen als Botschafter für unser Land zu fungieren.

designreport:

Das hört sich nach enormen Aufgaben an. Dabei tragen Sie auch in Deutschland Verantwortung. Wie wollen Sie das schaffen?

Peter Zec:

Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich viele und gute Helfer habe. Die Arbeit hier im Designzentrum wird operational von Vito Orazem bewältigt, der sich im Übrigen durch ein starkes soziales und kulturelles Verständnis der Welt auszeichnet und meine wirtschaftliche Orientierung bestens ergänzt. Ferner kümmert sich Elmar Schüller um den red dot design award, und im konzeptionellen und intellektuellen Bereich werde ich von unserem "Chefideologen" Burkhard Jakob – ein ehemaliger Student von mir – unerstützt. Ohne diese Leute würde ich das nie schaffen können.

designreport:

Bei allem Erfolg Ihrer Arbeit und Ihres Einsatzes haben Ereignisse wie der Design-Oscar aber immer noch relativ wenig öffentliche Aufmerksamkeit erzielen können. Fehlt es an der Aufgeschlossenheit der Medien?

Peter Zec:

Das ist ein strukturelles Problem, zum Teil aber auch eines der Einstellung. In Deutschland haben wir – im Unterschied etwa zu den USA – Berührungsängste vor dem Wettbewerb. Dabei brauchen wir einen Wettbewerb, der sich auch in der Berichterstattung widerspiegelt, damit das Thema an sich gewinnen kann. So sehe ich das iF Hannover eher als Mitstreiter für die Notwendigkeit von Designpreisen; außerdem haben wir durch den iF Award, der ja ähnlich gestrickt ist wie unser Award, eine Vergleichsmöglichkeit und den Anreiz, besser sein zu wollen. Der Gedanke des "Zuviel" an Design beziehungsweise Design-Wettbewerben ist in meinen Augen absurd. Wichtig ist aber, dass aus der Quantität neue Qualitäten entstehen.

designreport:

Können Sie uns etwas über Ihr nicht mehr ganz so geheimes Großprojekt erzählen, von dem hier im Raum so viele Fotocollagen und Entwürfe zu sehen sind?

Peter Zec:

Es handelt sich zugegebenermaßen um ein ehrgeiziges Projekt, das wir "ENTRY" genannt haben. So wie wir es uns vorstellen, wird es das größte Designereignis, das es weltweit je gegeben hat. Das Ganze soll im Jahr 2005 stattfinden: Es sind bis zu zehn parallele Ausstellungen geplant, die über 101

Tage laufen – eine Art Weltforum für Design und Architektur, das einen Eindruck davon vermitteln soll, wie sich unsere Lebenswelten in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden.

designreport:

Es geht also um Design im gesellschaftlichen Kontext?

Peter Zec:

Ja, wir bereuen Themenbereiche zu Architektur, neuen Materialien. Nano-Technologie oder auch beschleunigtem Leben vor, mit internationalen Kuratoren. So kommen jetzt zum Beispiel vom Cooper-Hewitt Museum in New York Barbara Blüming und Ellen Lupton für eine Arbeit zu dem Thema Living Skin zu uns.

designreport:

Und die Finanzierung steht?

Peter Zec:

Uns sind für "ENTRY" 11,2 Millionen Euro bewilligt worden, die von der EU, der Stadt und dem Land aufgebracht werden. Wobei ich es grundsätzlich für richtig halte, auch um Unterstützung aus der privaten Wirtschaft zu werben. Das Konzept steht, und die Partner, die wir gewinnen konnten, auch in Amerika, sind mehr als aufgeschlossen. Wir haben allerdings ihre Vorstellungen davon, welche Dimension ein Forum "nur" zum Thema Design annehmen kann, etwas erweitert. "Wow, you really think big", das war der Kommentar von einem Mann wie Bill Moggridge.

designreport:

Sie sind schon lange in der Planung. Werden Sie auch rechtzeitig fertig?

Peter Zec:

Wir haben eine gute Chance, das Weltforum nach Essen zu holen, wenn wir hier auf der Zeche Zollverein die entsprechende Infrastruktur in der Zeit fertig haben. Schließlich geht es um die Positionierung dieses Standortes. Ein Weltforum kann man nicht auf einer Baustelle stattfinden lassen.

 

Interview: Frank A. Reinhardt

Fotos: Thomas Mayer

Erscheinungsort und -datum: designreport 2/2004, Seiten 38-40