Das Herz des Red Dot Award: Product Design ist die Jury.
39 weltweit anerkannte Experten evaluieren drei Tage lang vor Ort alle eingereichten Produkte individuell.
Vincent Créance ist Experte für Verkehrs- und Produktdesign.
"Form follows function" - Im Interview erklärt Vincent Créance, ob dieses Sprichtwort Bestand hat.
Design muss nicht zeitlos sein, sondern qualitativ hochwertig. Das ist Vincent Créance Plenum, wenn es um Trends geht.

18.04.2017

“Die Realität ist oftmals viel komplexer”: Interview mit Red Dot-Juror Vincent Créance

Das Herz des Red Dot Award: Product Design ist die Jury. 39 Experten aus aller Welt bewerteten mehrere Tage lang jedes einzelne Objekt, das 2017 eingereicht wurde, live und vor Ort. Nur Gestaltungen, die durch hohe Designqualität überzeugten, erhielten die begehrte Auszeichnung „Red Dot“. In diesem Jahr trug Vincent Créance aus Frankreich mit seinem Fachwissen erneut zur Entscheidungsfindung bei.

Vincent Créance, 1961 geboren, machte seinen Abschluss an der Ecole Superieure de Design Industriel. Seine berufliche Laufbahn begann er bei der Plan Creatif Agency. Später ging er als Design Director für sämtliche Telefonaktivitäten zu Alcatel und wurde anschließend zum Vice President Brand für Alcatel Mobile Phone ernannt. Vincent Créance wurde 2006 President von MBD Design, einer der wichtigsten Designagenturen in Frankreich, und entwickelte Designlösungen für Verkehrs- und Produktdesign. Er ist Mitglied von APCI (Agency for the Promotion of Industrial Creation), Vorstand von ENSCI–Les Ateliers (National College of Industrial Design) und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Strate College. Im Interview spricht Vincent Créance über Design-Prinzipien, Fähigkeiten und Herausforderungen.

Wie halten sie das Gleichgewicht zwischen Funktionalität und Ästhetik im industriellen Design?
Vincent Créance: Diese Frage erinnert mich direkt an das berühmte Sprichwort „form follows function“ (Form folgt Funktion). Auch, wenn das in vielen Bereichen stimmt, müssen wir zugeben das die Realität oftmals komplexer ist. Luxusgüter, zum Beispiel, demonstrieren manchmal genau das Gegenteil. Ich glaube, wir müssen unterschiedlich abwägen, je nach Domäne. Eine gute Balance zu finden ist eigentlich nie dasselbe. Oftmals ist das das heikelste Problem im Industriedesign. Ich glaube nicht an Rezepte oder Doktrinen um einen guten Gleichgewichtspunkt zu finden, ich denke, wir müssen in unseren gesunden Menschenverstand und in unsere Gefühle vertrauen.

Sie haben an der Gestaltung von Hochgeschwindigkeitsbahnen mitgearbeitet, was denken Sie ist das wichtigste Designprinzip bei der Anwendung des Industriedesigns in der urbanen Infrastruktur für Fahrzeuge oder Züge?
Eines der Hauptprobleme von Fahrzügen ist die Langlebigkeit des Designs. Oftmals liegen 15 bis 20 Jahren zwischen den ersten Zeichnungen und der ersten Renovierung. Unnötig zu sagen, dass es klug ist, sich vor den letzten kurzlebigen Trends zu hüten… und es ist auch naiv oder arrogant zu glauben, dass das, was du designed hast, auch noch 20 Jahre später up to date ist. Ich glaube, der beste Weg um das Alte-Mode-Problem zu umgehen der ist, so einfach wie möglich zu entwerfen und zu versuchen, den Entwürfen so viel Persönlichkeit wie möglich zu geben, dabei aber für alle akzeptabel zu bleiben. Es ist egal ob man direkt sieht, dass das Design aus den Neunzigerjahren ist, solange es gut designed ist: Ein Porsche 911 aus den Sechzigerjahren ist absolut überholt aber immer noch relevant und schön. Eine weitere spezielle Fähigkeit die man braucht im Interior Design ist die Möglichkeit verschiedene, individuelle, Erwartungen zu erfüllen – in einem kollektiven Raum: Jedem das Gefühl zu geben es ist „sein“ Raum, unabhängig davon ob er mit tausend anderen Reisenden geteilt wird. Mit anderen Worten: ein Designer, der für Massenverkehrssysteme arbeitet, muss sein Ego vergessen, damit es ihm gelingt, die größte Anzahl von Reisenden zu befriedigen.

Was ist gutes Design für Sie?
Wir sind oft der Ansicht, dass gutes Design die Fähigkeit ist, die bestmögliche Synthese zwischen multiplen und manchmal widersprüchlichen Zielen und Absichten in einer innovativen und ästhetischen Weise zu machen: Markenbild, Technik, Marketing, Vertrieb, Preis, Leistung, Nachhaltigkeit, usw. Ich persönlich betrachte Industriedesign auch als Wirtschaftswaffe: gutes Design muss dazu beitragen, Geld zu verdienen! Vor allem glaube ich, dass der effizienteste Weg, um ein gutes Design zu erreichen, ist, es als eine "massive Verführungswaffe" zu betrachten. Das Ansprechen von Emotionen ist mächtiger als die Ansprache von Vernunft: Gutes Design spricht zuerst mit dem Herzen!

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