Wolfgang Olbrisch

Die besten Designer des red dot design award 2007 im Interview: Wolfgang Olbrisch

Die besten Produkte einer Kategorie, die Zeugnis für eine im höchsten Maße herausragende und wegweisende Leistung abgelegt haben, erhalten die Auszeichnung „red dot: best of the best“. In diesem Jahr vergab die Jury diese Ehrenauszeichnung für höchste Designqualität unter anderem an die Handtasche „Arcade“, die der Designer Wolfgang Olbrisch gestaltete. Wir sprachen mit dem Designer in einem Interview.

 

Was hat Sie zu diesem besonderen Produkt inspiriert und welche Intention steckt dahinter?

Es gab drei Ausgangspunkte für die Entwicklung der Handtasche ARCADE: Erstens reizte mich der Kontrast zwischen einem genuin aristokratischen Material, nämlich dem Rosshaar, das ein klassisches Blumenmuster aufweist, und der klaren modernen Formensprache, die ich seit vielen Jahren verfolge und entwickle. Zweitens hatte ich die Idee, dass sich eine Tasche der Körperform einer Frau anschmiegen könnte und gleichzeitig diese widerspiegelt – selbständig, fast skulpturhaft. Und drittens stellte ich mir eine Taschenform vor, die in allen drei Dimensionen aus Bögen besteht. Die eigentliche Herausforderung bestand dann darin, diese drei Punkte miteinander zu verbinden, sie zu integrieren und eine Tasche aufzubauen, die alltagstauglich und schön zugleich ist. Ich habe also die Form des Bogens im wahrsten Sinne durchdekliniert.

Was bedeutet eine Auszeichnung mit dem red dot: best of the best für Sie?

Auch wenn ich immer der Überzeugung war, dass Design, Material, Konstruktion und Verarbeitung unserer Taschen gut sind, habe ich nicht wirklich mit einer Auszeichnung gerechnet. Umso mehr freut es mich jetzt, diese hohe Anerkennung best of the best für das Produktdesign der ARCADE erhalten zu haben. Dass wir auch noch einen reddot für gutes Design mit der Tasche KIMONO bekommen haben, bestätigt unsere Philosophie: Konsequentes, klares Design, bestmögliche Qualität und absolute Alltagstauglichkeit in unseren Taschen zu vereinen. Es war fast ein Zufall, dass wir uns für den reddot beworben haben. Ein Geschäftspartner war der Ansicht, dass sich unser Taschendesign vom Standard der Taschengestaltung durchaus abhebt, einfach anders ist und es doch auf alle Fälle einen Versuch wert sei, an diesem internationalen Wettbewerb teilzunehmen. Nach einigem Zögern haben wir uns also dafür entschieden und die ARCADE und die KIMONO ins Rennen geschickt. Diese Auszeichnungen sehe ich auch als Anerkennung für die Leistung, die unsere Mitarbeiter in der Werkstatt erbringen und bin sicher, dass sie einen neuen Kreativitätsschub auslösen werden. Es ist einfach eine große persönliche Freude, dass diese hochkarätig besetzte Jury unser Produkt ausgewählt hat. Bislang waren unseren Taschen mehr oder weniger ein Insidertipp, abseits der großen Labels. Ich bin überzeugt, dass wir durch den reddot jetzt einem größerem Publikum bekannt werden können. Danke.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die besonderen Herausforderungen, die sich in der heutigen Zeit dem Designer stellen?

Die wichtigste Herausforderung für einen Designer scheint mir in diesen Jahren zu sein, dass er sich nicht für den Nabel der Welt hält. Aus meiner Sicht ist sein Können, sind seine Ideen immer nur Teile des Gesamtprozesses der Produktentwicklung. Mit der Idee ist immer nur ein Teil der Arbeit getan. Jetzt beginnt erst die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Produkt an sich. Da sind die verschiedenen Materialien, die miteinander kombiniert und verarbeitet werden. Die Anforderungen, Erwartungen und Wünsche der Kundinnen wollen erfüllt sein. Ökologische und ergonomische Qualitätsstandards müssen eingehalten werden. Alle am Herstellungsprozess beteiligten Menschen bringen im Verlauf dieses Prozesses ihre Ideen zum Gelingen des Produktes mit ein, wandeln und beeinflussen die Ideen des Designers. Das heißt nichts anderes, als dass auf allen Ebenen, von der Idee bis zur Produktion, ein Produkt gestaltet und ausgearbeitet wird. Das Team zählt. Was nicht heißt, dass jeder machen kann, was er will. Alle Beiträge müssen sich der Leitidee einpassen lassen. Die Kommunikation zwischen allen Bereichen muss klar und verantwortungsvoll geführt werden. Und das ist eine ganz wichtige Tatsache. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass Kriterien wie Ergonomie, Langlebigkeit, Umweltverträglichkeit und Servicefreundlichkeit eines Produktes in den nächsten Jahren immer mehr in das Zentrum der Produktgestaltung rücken werden.

Ach ja, etwas ganz altmodisches zum Schluss. Man sollte einem Produkt ansehen können, dass es mit Neugierde und Hingabe gestaltet und produziert worden ist. Technische Kälte mag ich nicht.

Was möchten Sie als Designer in der Zukunft noch gerne erreichen?

Ich habe den Traum, dass meine individuelle Formensprache und mein Design über meine Zeit hinaus weiterlebt und weiterentwickelt wird. Ein Teil meines Traums ist, dass die eine oder andere meiner Taschen als Ausdruck zeitgenössischen Designs in einem Museum platziert wird. Das wäre dann mein Beitrag, die Formensprache unserer Gegenwart zu dokumentieren. Wenn man Gestaltung und Formgebung so wie ich als Ausdruck eines Zeitgeistes begreift, so entspricht es meinem Wunsch, durch ein gutes Design der Nachwelt eine Vorstellung unserer Zeit zu vermitteln. Der Gewinn des red dot best of the best lässt einen Designer solche Träume natürlich leichter träumen. Dazu möchte ich weiter meinen Weg gehen können: Taschen zu konzipieren aus den Anregungen, die mir diese Welt, meine Umgebung, mein Alltag geben. Ich nehme mir nicht vor, eine Tasche zu machen, weil ich eine Tasche machen will. Vielmehr sehe ich eine Geste, eine Handbewegung, die Form eines Schiffbuges, die Architektur eines japanischen Shinto Schreins oder die Silhouette einer Frau im Gegenlicht und frage mich, ob und wie ich meine Wahrnehmung der besonderen Form in eine Tasche umsetzen kann. So entstand die Idee der prämierten Kimonotasche, als ich jemanden dabei beobachtete, wie er seinen Hemdkragen öffnete. Diese Bewegung des Öffnens in das Öffnen einer Handtasche umzusetzen, war die Herausforderung, machte den Reiz der Gestaltung aus. Manchmal gelingt es, manchmal auch nicht. Das Scheitern gehört einfach dazu und bildet oft den Ansatz für eine neue, ganz andere Form.

Wie hoch ist Ihrer Ansicht nach die wirtschaftliche Bedeutung von Design?

Produktdesign gewinnt in meinen Augen zunehmend wirtschaftliche Bedeutung. Die Qualitätsstandards, die Möglichkeiten der Verarbeitung, der allgemein verfügbare Stand der Technik machen die Produkte zunehmend gleich, schwer unterscheidbar. Es braucht also einen zusätzlichen Aspekt, der über den reinen Nutzen des Produktes hinausgeht. Das ist die Aufgabe, die das Design wahrnimmt. Würden wir Taschen machen wie sie von vielen gemacht werden, Rechteck, Trageriemen mehr oder weniger gute Materialien und ein Label drauf, wir würden in der Masse der Anbieter untergehen. Der wirtschaftliche Erfolg unserer Compagnie ist wesentlich davon abhängig, dass wir ein ungewöhnliches Design haben und dieses versuchen zu einem hochwertigen Produkt reifen zu lassen. Zumindest für eine Firma, die wie wir in Europa produziert, ist die ästhetische Ausstrahlung eines Produkts ein zentraler Faktor des wirtschaftlichen Erfolges. Billig und mittelmäßig Produziertes gibt es ausreichend auf dieser Welt. Gestaltete Produkte aber können nur dann wirklich überleben, wenn ihre Anwendbarkeit im Alltag und ihre Qualität gleichrangig behandelt werden. Diese ist jedenfalls die Philosophie von Olbrish & Goebel.

Arcade - Spannungsbogen für die Sinne

Eine Damenhandtasche ist viel mehr als ein Accessoire. Sie ist Ausdruck der Persönlichkeit ihrer Trägerin. Die Handtasche Arcade spricht aufgrund ihrer ungewöhnlichen Gestaltung die Sinne an: Mit ihrer avantgardistisch anmutenden Form scheint sie sich der Trägerin an den Körper zu schmiegen. Die Gestaltung konzentriert sich ganz auf die geschwungene Kontur, durch die diese Handtasche sehr spannungsreich wirkt. Konzipiert ist sie als repräsentative Tasche für offizielle Anlässe und zum Ausgehen – eine funktional durchdachte Aufteilung in ein Volumenfach und zwei Steckfächer ermöglicht dabei einen guten Zugriff auf den Inhalt. Ein weiterer Gestaltungsaspekt ist die ungewöhnliche Kombination der Materialien Leder und Rosshaar, dessen Webstruktur einem klassischen Blumenmuster folgt. Die Rückseite der Tasche ist aus einem mineralisch gegerbten und durchgefärbten Rindsnappaleder gefertigt, die Vorderseite ist in zwei Schichten konstruiert: Die Basis bildet der Form gebende Lederfaserstoff, ein Gemisch aus Naturkautschuk und Lederfasern, der von dem Rosshaargewebe bedeckt wird. Diese Materialverbindung macht die Tasche auch in haptischer Hinsicht interessant. Sie verleiht Arcade den Charakter einer Skulptur – mit den Gebrauchseigenschaften einer Handtasche.